Like a Boss

Bismillah 

Unzählige YouTube Videos, Zeitungsartikel, Blogeinträge und anderen Schnickschnack habe ich mir reingezogen und mich auf diesen Tag vorbereitet. Den glorreichen Tag, der dazu bestimmt war einem Gebrauchtwagen einen neuen Besitzer zu bescheren. Nach einer (gefühlt) ewigen Suche auf diversen Online Verkaufsplattformen für Autos, entdecke ich einen guten Familienschlitten bei den örtlichen Kleinanzeigen und kontaktiere den Besitzer. Obwohl es ein gutes Angebot ist, hat sich bis jetzt noch niemand bei dem Verkäufer gemeldet. Auch die Aufrufe der Annonce sind sehr niedrig. Göttliche Vorsehung? 

Wir schreiben ein wenig, dann ziehe ich mich zurück. Ich will ihn zappeln lassen. Ein waghalsiges Unterfangen beim Autokauf im Internet, denn es wird wirklich blitzschnell und oft blind gekauft. Ich gehe das Risiko ein und sieht da, nach ein paar Tagen fragt er an, ob ich noch Interesse hätte. 

»Ja, theoretisch schon, aber bei dem Preis…« klage ich theatralisch.

Außerdem mache ich klar, dass ich den Wagen ohne Check up in einer Werkstatt sowieso nicht kaufen würde und die Werkstatt meines Vertrauens ist ein ganzes Stück weg vom Wohnsitz des Verkäufers. Trotzdem willigt er für den Check up ein und wir verabreden uns vor der Werkstatt. Ich mag es nicht so gern mich mit fremden Menschen zu verabreden, weil ich nie weiß wie sie auf meinen Hijab reagieren. Manchen ist es egal, manche rümpfen die Nase, andere deklarieren laut, dass sie damit nicht gerechnet haben usw. Fremde zu treffen und dabei Kopftuch zu tragen ist wie eine Pralinenschachtel Forrest, man weiß nie was man kriegt. Zur seelischen Unterstützung nehme ich meinen ältesten Sohn mit, der mich und meinen Mann (beide nicht klein) inzwischen bei weitem überragt. Da kann man sich tröstend anlehnen, wenn es schief geht.

Der Verkäufer entpuppt sich als muslimischer Marokkaner, der einen Verwandten im Schlepptau hat, da er selbst nicht so gut deutsch spricht. Angesichts meines Hijabs senkt er schüchtern den Blick und sagt für den Rest des Tages keinen Piep mehr. Das mag auf Außenstehende respektlos wirken, ist aber genau das Gegenteil. Sein Verwandter führt die Verhandlungen und wir gehen in die Werkstatt. Der Fachmann der Werkstatt knipst die Lampe an und schaut dem Wagen unter den Rock.

»Wie sieht es mit den Radlagern und Achsen aus? Alles okay? Was ist mit Rost bei den tragenden Teilen? Komm ich damit noch durch den TÜV?« will ich von ihm wissen.

Perplex schaut mich der Mechaniker an und prüft die entsprechenden Teile. Da gäbe es nix zu beanstanden, ist seine Antwort.

»Sind Ölflecken zu sehen?«

Solange der Wagen noch oben ist, ist mir das wichtig zu erfahren. Nein, da sei nichts. Alles trocken. Der Wagen kommt wieder runter und nun geht es an den Motor und die äußere Erscheinung.

»Wann war der letzte Ölwechsel?« 

Der Redner des Verkäuferduos tritt nach vorne und zeigt, inzwischen etwas genervt, auf den entsprechenden Zettel. Ist alles erst frisch gemacht worden und der Mechaniker bestätigt diese Aussage nickend.

»Ist der Zahnriemen überhaupt schon mal gewechselt worden?« 

Der Mechaniker sieht nach. Ja, bei 60.000 Kilometern sei er gewechselt worden. 

»Aha!« erwidere ich möglichst fachmännisch.

Dann zeigt der Mechaniker mir eine kleine Roststelle, die behandelt werden muss. Sollte aber nicht wirklich viel kosten, meint er. Trotzdem werfe ich dem Duo einen strengen Blick zu.

Beim rausfahren bitte ich den Mechaniker auf den Schleifpunkt der Kupplung zu achten. Da sei auch alles noch im Rahmen und alsbald keine Neue fällig. Zusammengefasst braucht das Auto einen Satz neue Reifen und eine winzige Stelle rostiges Blech muss behandelt werden. Nichts Großes und diese Dinge sind mir schon auf den Fotos aufgefallen, aber in Anbetracht der anstehenden Preisverhandlungen mache ich ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. 

Das sei ein sehr gutes Auto, führt der Sprecher an. Ja, theoretisch schon, aber die Kosten für den neuen TÜV, die neuen Reifen, die Roststelle und überhaupt ist der Kilometerstand ja auch nicht ohne und eigentlich weiß ich ja gar nicht, ob ich das Auto überhaupt will…blablabla…

Das ist natürlich glatt gelogen. Ich will die Karre unbedingt, aber die vielen YouTube Videos mit Titeln wie Das perfekte Pokergesicht beim Autokauf oder Die größten Sünden beim Kauf eines Gebrauchtwagens haben deutliche Spuren hinterlassen. Wenn den die Herren Verkäufer so freundlich wären mir A) Das Auto vor die Tür zu stellen und dann erst abzumelden B) Das Auto selber abzumelden und mir freundlicherweise den Fahrzeugschein nach der Abmeldung vorbeizubringen und C) den Verkaufspreis um etwa 400€ zu senken, dann könnte ich mir vorstellen dieses edle Automobil zu erwerben.

Brav stimmen die beiden zu und erledigen alles wie verlangt. Ich bezahle und später (als alle weg sind) sitze ich schon mal verliebt Probe. Den Rest des Tages freue ich mich über mein Schnäppchen und mein Verhandlungsgeschick und laufe dauergrinsend durch die Wohnung. Sogar mein Mann (ein äußerst schwieriger Beifahrer und das aus voller Überzeugung) ist beeindruckt und voll des Lobes.

Da sag mal einer YouTube wäre zu nichts nutze und dafür das ich das noch nie gemacht habe, bin ich ein bisschen stolz auf mich. 😉

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